Wer gewohnheitsmäßig Tiere tötet, läuft Gefahr abzustumpfen und auch zu töten, wenn es keinen zwingenden Grund gibt, sondern einfach aus Mitgefühllosigkeit.A.M.

 

Die strafbare Tötung ohne wichtigen Grund in der Tierarztpraxis

 

von: Dr. med. vet. Martina Kuhtz-Böhnke und Tierärztin Astrid Reinke

 

"Einschläfern"

Wenn das Haustier nicht mehr "gefällt" oder bei einem Umzug "im Wege" steht, sehen manche Tierhalter nur noch eine Möglichkeit: Einschläfern! Auch so mancher Tierarzt sieht darin keinen Rechtsverstoß!

Die schnelle Lösung für schwierige Fälle?

Folgende alltägliche Probleme in einer Tierarztpraxis:

Ein kleiner
Münsterländer sollte eingeschläfert werden. Er hatte Übergewicht, eine Herzschwäche und ein Prostataleiden. Der Hund hatte mehrmals nach dem Besitzer geschnappt, nachdem dessen Sohn und Bezugsperson gestorben war. Eine Tierarztkollegin hat den Münsterländer aufgenommen, medizinisch versorgt und hatte dann noch jahrelang viel Freude an ihm.

Bauernhofkater, 2 Jahre, Hüfte ausgerenkt. Eigentlich notwendige OP relativ teuer, möchte Besitzer nicht bezahlen, obwohl er das Geld an sich hätte; ihm sind eh schon einige Katzen totgefahren worden, da lohnt sich die Investition gar nicht. Warum wir das Tier nicht einfach "einschläfern" können - wie einen Traktor, den man entsorgt, wenn sich eine Reparatur nicht lohnt - versteht er nicht.

Ein
Meerschweinchen war nie beim Tierarzt. Es wurde erst vorgestellt, als der Besitzer das Tier abgeben wollte. Die Krallen waren völlig ungepflegt. Der Tumor hätte längst versorgt werden müssen!

Yorkshireterrier, 14 Jahre, etwas gebrechlich aber für sein Alter noch ziemlich fit, darf nicht mit in die neue Wohnung. Die Besitzerin verlangt, dass wir ihn "einschläfern", weil er sich NIE an neue Besitzer gewöhnen wird. Die gelungene Vermittlung alter Tiere zeigt aber: Diese sind viel flexibler als wir oft glauben.

Kater, 4 Jahre, Autounfall, Schwanz nicht mehr zu retten, muss amputiert werden. Besitzer haben keine Zeit, das kranke Tier gesund zu pflegen, möchten kein Geld investieren und erst recht keinen Kater ohne Schwanz. Einschläfern!

Die
unzähligen Meerschweinchen und Kaninchen mit Zahnfehlstellungen. Die Tiere verhungern buchstäblich vor ihrem Futter, weil sie mit solchen Zähnen nicht mehr fressen können und die Besitzer die Tiere nicht vorstellen.
Keine Frage - Therapien und Zahnkorrekturen werden nicht gewünscht, denn das Tier hat ja nur 20 Euro gekostet. Zitat: "Glauben Sie nicht, dass mir die Entscheidung leicht fällt, es kommt mir ganz bestimmt nicht auf das Geld an, Frau Doktor, aber ich möchte, dass Sie es einschläfern."

Leider gibt es genug KollegInnen, die dem Wunsch solcher Besitzer ohne Zögern nachkommen.

Aber es handelt sich hierbei um einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz - ohne vernünftigen Grund darf kein Tier getötet werden! Der Tierbesitzer trägt dabei nicht weniger Schuld als der/die Tierarzt/Tierärztin, und das beschönigende Wort "Einschläfern" ändert nichts daran, dass dem Tier das Leben genommen wird.

Schon seit vielen Jahren ist das Tier vor dem Gesetz keine Sache mehr, jetzt ist der Tierschutz auch im Grundgesetz verankert - aber leider ist dies zu vielen Tierbesitzern noch nicht durchgedrungen. Das Tierheim München hat in diesem Jahr alarmierend höhere Zugänge als in den Jahren zuvor. Die Tendenz der Tierbesitzer, Tiere als "Wegwerfware" zu betrachten, steigt also offensichtlich - ein Zeichen unserer Konsumgesellschaft?
So darf es nicht weitergehen!

Wer die Verantwortung für ein Tier übernimmt, muss sich darüber im Klaren sein, dass Tierarztkosten den Anschaffungswert bei weitem übersteigen können - wer sich das nicht leisten kann/will, soll sich kein Tier kaufen, auch nicht "großherzig" aus dem Tierheim holen. Haustiere sind Familienmitglieder und sollten als solche behandelt werden. Auch im Alter oder im Krankheitsfall haben sie ein Recht auf angemessene Betreuung.

Der benötigte "Faktor Zeit" ist nicht unerheblich und sollte stets berücksichtigt werden - ein krankes Tier kann durchaus zur Folge haben, dass man täglich zum Tierarzt fahren oder ggf. auf einen Urlaub verzichten muss.

Sicher gibt es unter Ihnen viele Tierbesitzer, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und ihr krankes Tier, sofern es einen Chance auf eine angemessene Lebensqualität hat, nicht töten lassen würden. Wenn Sie Freunde/Bekannte mit dem Wunsch auf ein eigenes Haustier entsprechend beraten und auch mit den negativen Seiten konfrontieren, ist schon ein großer Schritt in die richtige Richtung getan!

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TierärztInnen und TierhalterInnen begehen eine Straftat, wenn sie junge, gesunde oder nicht totkranke Haustiere töten.

Das Wesen des tierärztlichen Berufs ist in der Berufsordnung für Tierärzte festgelegt:

Die/der Tierärztin/Tierarzt ist berufen, Leiden und Krankheiten der Tiere zu verhüten, zu lindern und zu heilen ... Die/der Tierärztin/Tierarzt ist der berufene Schützer der Tiere.“

Laut der 2009 im Auftrag der Bundestierärztekammer erstellten Statistik waren am 31. Dezember 2009 in Deutschland 35.780 Tierärzte bei den Tierärztekammern gemeldet.

25.413 von ihnen waren tierärztlich tätig.

Wenn jeder Tierarzt nur ein Tier pro Jahr ohne zwingenden Grund tötet, wären das 25.000 Haustiere die jährlich durch tierärztliche Straftaten sterben.

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Der „vernünftige Grund“ für die Tötung von Tieren von Regina Binder
Zusammenfassung
Die Tötung von Tieren wirft vielschichtige Probleme rechtlicher und ethischer Natur auf. Praktizierende und amtliche Tierärzte sind laufend mit der Frage nach der Zulässigkeit der Tötung von Tieren konfrontiert, wobei typischerweise zwei Interessenkonfigurationen auftreten: Einerseits äußern Tierhalter nicht selten den Wunsch nach der Euthanasie (weitgehend) gesunder Tiere, während auf der anderen Seite immer wieder gefordert wird, leidende Tiere am Leben zu erhalten. Im ersten Fall (Lebensverkürzung) strebt der Tierhalter in der Regel danach, sich eines nicht (mehr) erwünschten Tieres zu entledigen bzw. Kosten für eine Heilbehandlung zu vermeiden. Der zweite Fall (Leidensverlängerung) ist vorwiegend auf dem Nutztiersektor anzutreffen, da hier Heilbehandlungen aus Kostengründen häufig nicht in Erwägung gezogen bzw. in der letzten Lebensphase abgelehnt werden, um ein Lebensmittel lieferndes Tier nach Ablauf der Wartefrist noch verwerten zu können. Freilich spielt die Forderung nach der Anwendung lebensverlängernder Maßnahmen bei leidenden Tieren auch auf dem Heim- bzw. Begleittiersektor eine Rolle, nämlich dann, wenn ein Tierhalter auf Grund einer starken emotionalen Bindung an das Tier der Vornahme einer aus fachlichen Gründen gebotenen Euthanasie seine Zustimmung verweigert. In diesem, zwischen Tierwohl, Halterinteressen und Sachzwängen angesiedelten Spannungsfeld ist der Tierarzt gefordert, Entscheidungen zu treffen, die rational nachvollziehbar, ethisch ausgewogen und nicht zuletzt auch rechtmäßig sind.

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Das liebe Kind und der gefährliche Hund?

Hier zwei Praxisbeispiele die zum Nachdenken anregen:

In der Empfehlung, Hunde und kleine Kinder nicht unbeaufsichtigt zu lassen, stimmen alle
Fachleute überein. Dabei sind sowohl Restrisiken des Hundeverhaltens der Grund, als auch
mögliches Fehlverhalten der Kinder.

Eine Hundepsychologin/Hundetrainerin erzählt:

So gibt es ein Beispiel, dass ein angeblich „unberechenbar aggressiver Hund, der ein Kind
gebissen hat“ vom Tierarzt eingeschläfert wurde. Danach musste der Tierarzt feststellen,
dass der Hund mehrere Tackernägel in den Ohren hatte - wofür nur das gebissene Kind als Verursacher infrage kam.

Ein Schäferhund, 1 Jahr, sehr gut erzogen. Das kleine Kind der Familie springt ihm auf den Rücken. Daraufhin knurrt er das Kind an und schnappt, wenn es ihn beim Fressen stört. Der Tierarzt soll den Hund einschläfern, wozu er tatsächlich bereit ist. Der Hund hat aber außergewöhnliches Glück. Die Tierarzthelferin nimmt ihn zu sich. Er ist inzwischen gut vermittelt und es gibt keine Probleme.

Bei manchen TierärztInnen hat es sich bereits herumgesprochen, dass vermeintliche Angriffe auf Kinder gerne benutzt werden, um Hunde töten zu lassen, daher wird ein Wesenstest oder eine Abgabe an den Tierschutz mit sachkundiger Überprüfung des Tieres durch eine HundetrainerIn verlangt.


Zweifellos zeigt die Art und Weise der Behandlung von Macht- und Hilflosen, wofür Tiere prädestinierte Kandidaten sind, am meisten über einen Menschen.